Schilder im Stipendienwald


Es gibt unzählige Stipendien, für die man sich bewerben kann – wenn man will (ein Stipendium bedeutet nämlich eindeutig von der Bewerbung bis zum Studienende mehr Aufwand sowie höhere Anforderungen auch in den Ferien). Zum einen wären da die 13 großen „Begabtenförderungswerke": mit Abstand am größten und ältesten ist die „Studienstiftung des deutschen Volkes", dann gibt es religiöse, parteinahe, eine arbeitgebernahe sowie eine gewerkschaftsnahe Stiftung, die alle eine ähnliche Förderung aufweisen; darüber hinaus sind das Deutschlandstipendium, spezifisch bayerische Einrichtungen wie das Max-Weber-Programm sowie zahlreiche weitere (gelegentlich an ein konkretes Projekt oder Studienziel gebundene) Stipendien zu nennen.

Schon bald wusste ich: ich wollte mich um ein Stipendium bemühen. Nicht nur wegen der finanziellen Unterstützung: v.a. die ideelle Förderung – sprich Seminare, Workshops, Exkursionen, Treffen, Sprachkurse – erschien mir cool, würde man doch seinen Horizont erweitern können – gerade, wenn man an der Uni Gefahr läuft, sich zu einem Fachidioten zu entwickeln.
Ich bin Sebastian Ritter, stolzer Ex-Herderianer, bald Physikzweiti in Regensburg.
Erster Anlauf: Maximilianeum
Meine erste Erfahrung war die Vorladung zu einem Auswahlgespräch für die Stiftung Maximilianeum in München im August. Vorladung trifft es wirklich am besten: Samstagsfrüh werde ich in die ehrwürdigen Räumlichkeiten der Stiftung, die im Landtag residiert, geführt und sehe mich einer ernsten Kommission v.a. aus Richtern gegenüber, sprichwörtlich, denn ich sitze am offenen Ende eines gestellten Us. Nach Standardfragen, auf die ich noch nicht gefasst war, z.B. Was die Stiftung durch mich gewinnt, sollte ich das Thema meiner W-Seminararbeit erklären, die ich im Fach Philosophie geschrieben hatte, und ich scheiterte dabei glorreich. So war es nicht verwunderlich, eine Absage zu erhalten. Aber der Eindruck des Scheiterns währte nur kurz, hatte ich so doch mehr Wahlfreiheit gewonnen: Schnell wurde mir klar, dass ich gar nicht in München studieren will – als Maximilianeer wohnt man die ganze Zeit mit den anderen Stipendiaten zusammen im Landtag – und bin mit Regensburg sehr zufrieden. Aber das Verhör in München war eine Lebenslektion, die ich nicht missen möchte.
Zweiter Anlauf: Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) – nicht nur etwas für eingefleischte CSUler.

Nach der schriftlichen Bewerbung im Juli wurde ich im September 2021 zu einer Auswahltagung bei der HSS nach München eingeladen. Normalerweise ein ganzes Wochenende lang, bei uns aber auf einen Tag zusammengekürzt, standen ein Grundwissenstest (Wie heißt die Hauptstadt des Iran? Wer komponierte die deutsche Nationalhymne? Etc.), das Verfassen eines kurzen eigenen Statements z.B. zur EU und vor allen Dingen ein Einzelgespräch mit der Jury auf dem Programm. In diesem Gespräch sollte man zehn Minuten über sein eigenes gesellschaftliches Engagement referieren: Wie gut, dass ich das hatte vorbereiten können! Bald darauf wurde ich in die HSS-Hochschulgruppe Regensburg aufgenommen und lernte dort viele interessante Menschen kennen: Wir trafen uns zum traditionellen Martinsgansessen, zu einem Vortrag der Landwirtschaftsministerin, gingen ins Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg, ließen uns das europäische Erdbeobachtungsprogramm Galilei von einem seiner Leiter erklären, beschäftigten uns aus aktuellem Anlass mit der Geschichte der Ukraine – einiges davon coronabedingt online. Highlights bei der HSS sind die (verpflichtenden) Wochenendseminare auf Kloster Banz, die wegen Corona leider nicht so regelmäßig stattfanden. Deshalb konnte ich nur einmal einen Platz für ein Seminar für Interkulturelle Kommunikation ergattern, bei dem wir für die potentiellen Konfliktthemen mit anderen Kulturen sensibilisiert wurden. Insgesamt ist die HSS toll, sehr persönlich und auch wenn die Stiftung CSU-nah ist, bedeutet das nicht, dass man die CSU wählen muss oder ihre Ideologie verinnerlicht haben sollte, man sollte sich nur damit arrangieren können.

Von Tierversuchen, einem Auslandsjahr als Symptom eines White Saviour Complexes und einer Einführung einer universellen Dienstpflicht: die Studienstiftung

Zusätzlich wurde ich vom HGF für das Bewerbungsverfahren bei der Studienstiftung vorgeschlagen und reichte dort meine Bewerbungsunterlagen ein. Oft unterschätzt man, wie viel Aufwand es ist, diese zusammenzustellen, zumal jede Stiftung unterschiedliche Bewerbungsschreiben verlangt. Zum Glück habe ich bald genug angefangen, sodass ich es vor Studienbeginn einreichen konnte. Dann hieß es warten: Im Dezember schließlich erfuhr ich, dass mein Auswahlseminar Ende Februar stattfinden sollte, am Wochenende nach meiner letzten Klausur. Eigentlich wollte ich schon in den Weihnachtsferien mein Referat vorbereitet haben: Das Auswahlseminar, bei uns leider online, besteht nämlich aus zwei Einzelgesprächen und sechs Gruppengesprächen. In einem Gruppengespräch muss man dabei ein siebenminütiges Referat über ein allgemeines gesellschaftliches Thema halten und anschließend eine dreizehnminütige Diskussion der anderen Kandidaten darüber moderieren. Die Themenwahl gestaltete sich dann jedoch schwieriger als gedacht: Etwas, über das jeder etwas zu sagen hatte, worüber man diskutieren kann, mit Ambivalenzen, aber wo man nicht, indem man einen Aspekt vergisst oder auslässt, das Diskussionsergebnis verzerrt. Schließlich sollte ich mich auch auskennen, falls ein anderer Kandidat versucht, mich reinzureiten... So kam es, dass ich vier Wochen davor zwar zehn Ideen, aber noch kein festes zufriedenstellendes Thema hatte, mit Klausuren im Nacken. Im Nachhinein würde ich es aber wieder so machen: Die Wahl eines Themas, das einen interessiert und wobei man sich wohl fühlt, ist wichtig. Letztlich stellte ich die Frage, ob jede*r Deutsche einen einjährigen Pflichtdienst leisten sollte; und die Redebeiträge danach waren überraschend positiv. Natürlich habe ich mir, wie es empfohlen wird, Pros und Cons überlegt (die nicht zum Einsatz kamen). Und es ist faszinierend, wie man diskutieren kann, obwohl niemand klar eine Gegenposition einnimmt.

Parlare, parlare, parlare – aber bitte nicht ohne Kopf!
Auf jeden Fall hätte ich mir keine besseren Mitkandidaten wünschen können: Alle waren wirklich nett und niemand versuchte, sich auf Kosten der anderen ins Rampenlicht zu stellen, sondern wir halfen uns gegenseitig, wo wir konnten. Und so bestand der Samstag aus sechs Gruppendiskussionen und einem Einzelgespräch: Wir arbeiteten uns durch die Ethik von Tierversuchen, besprachen Gas als sinnvolle Übergangslösung zu den Erneuerbaren, tauschten uns zu Möglichkeiten der Wassergewinnung in Afrika wie auch dem Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst aus und machten uns Gedanken, ob bzw. inwiefern ein Freiwilligenjahr in Afrika nach dem Abi Ausdruck eines White Saviour Complexes ist. Durch diese Themen jagten wir ziemlich schnell und die Pausen dazwischen waren notwendig, um kurz seine Gedanken zu sammeln, klar im Kopf zu werden oder einfach zu entspannen. Eine andere Kandidatin erzählte mir danach, sie habe die ganzen Pausen mit irgendwelchen Leuten telefoniert, weil sie so sehr im Redeflow war. Und eine Mischung aus ‚Flow' und Aufregung beschreibt den Tag exakt. Die Einzelgespräche verliefen hingegen etwas ruhiger, aber waren mindestens so aufregend: Ernste erwachsene Gegenüber und du weißt nie, womit du in fünf Sekunden konfrontiert wirst. Natürlich kann man sich auf Standardfragen wie „Wo siehst du dich in fünf Jahren? Wo möchtest du arbeiten? In welchem Bereich willst du dich spezialisieren? Warum sollte die Stiftung dich auswählen? Wo hast du diese oder jene Eigenschaft gezeigt? Warum machst du Ahnenforschung als Hobby? Warum studierst du Physik?" vorbereiten. Aber ich stimme mit vielen darin überein, dass man v.a. sein Gehirn einschalten sollte: Ich wurde über die Sinnhaftigkeit der 10H-Regelung, zu meiner Meinung zur Verlegung von Stolpersteinen, zur EU, zum Umgang mit „Eliten" und elitärem Selbstverständnis, ob man sich selbst dazu zählt, wie man mit sog. illiberalen Demokratien wie Polen und Ungarn umgehen sollte und vielem Weiteren gefragt. Dabei konnte das Kommissionsmitglied freundlich und zugänglich wirken und eine entspannte Redeatmosphäre erzeugen oder eher ernst dreinblicken. Als roten Faden bzw. Aufhänger für das Gespräch wurde häufig mein Lebenslauf benutzt, zum Glück wurde ich davor gewarnt und schaute ihn mir nochmal an. Dankbar war ich, dass die Kommissionsmitglieder keinen Druck machten, wenn ich mal kurz nachdenken musste, z.B. auf die Frage, ob es etwas gibt, wo ich denke, dass meine Meinung der gängigen widerspricht. Nach dem Wochenende voller neuer Menschen, vor Vielseitigkeit berstenden Themen und Diskussionsbeiträgen war ich fertig, hatte ein weiteres Mal gelernt, wie komplex jedes noch so winzige Thema sein kann, und machte mir trotz eines guten Gefühls nach den Gesprächen kaum Hoffnung aufgenommen zu werden. Und doch brachte drei Wochen danach der Postbote ein dickes Kuvert...

Sebastian Ritter (Abiturjahrgang 2021)