Abitur – Was dann?


Ein Einblick in das erste Jahr nach dem Abitur und in das Stipendienwesen
von Katharina Bett (Abiturjahrgang 2021)

Im Sommer 2021 habe ich meine Schulzeit am HGF beendet und konnte mich über einen Abiturschnitt von 1,0 freuen. Seit dem Wintersemester 21/22 studiere ich Chemie an der Universität Göttingen.

Meine Schulzeit am HGF habe ich in wirklich sehr guter Erinnerung. Ich denke noch häufig an die Chor- und Orchesterfahrten nach Rothenfels, die Sprachreise nach Broadstairs in England und den Schüleraustausch mit Biscarrosse in Frankreich zurück. Meine Zeit am Herder hat mich sehr geprägt und mir das nötige Durchhaltevermögen, die Charakterstärke und meine Leidenschaft für Chemie mitgegeben.

Obwohl ich am HGF zunächst den musischen und ab der 8. Klasse den neusprachlichen Zweig mit Französisch besucht habe, entdeckte ich doch relativ früh meine Leidenschaft für die Naturwissenschaften. In der Oberstufe habe ich mich daher auf Naturwissenschaften fokussiert und sowohl Chemie als auch reine Physik belegt. Darüber hinaus habe ich Abitur in Musik (Klavier) gemacht. Französisch dagegen musste ich aufgrund meiner Fächerwahl leider ablegen.
Aufgrund meines guten Abiturs und meinem schulischen Engagement wurde ich von meiner Schule sowohl bei der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem bayerninternen Max Weber-Programm und der Stiftung Maximilianeum vorgeschlagen. Darüber hinaus habe ich mich auch bei drei Stiftungen in Eigeninitiative beworben.

Die Förderung besteht bei allen Werken aus einer finanziellen und ideellen Förderung. Die finanzielle Förderung wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung refinanziert und besteht im Regelfall aus einer festen Pauschale (genannt Büchergeld) im Wert von ca. 300 € monatlich und weiteren finanziellen Mitteln gemäß des BAföG Satzes. Die ideelle Förderung variiert von Stipendium zu Stipendium. In der Regel erhält man einen Vertrauensdozenten und ist Teil einer oftmals internationalen Stipendiatengruppe, mit der man sich regelmäßig trifft und austauscht.

Die Bewerbung auf ein Stipendium läuft in etwa immer ungefähr gleich ab. Zunächst verschickt man seine Bewerbung bestehend aus Lebenslauf, Motivationsschreiben und Empfehlungsschreiben verschiedener Lehrkräfte an die entsprechende Stiftung. Erweist man sich hier in den Augen der Stiftung bereits als potentiell förderungswürdig, wird man zu einer Auswahltagung eingeladen, bei der die Stiftungen endgültig entscheiden, ob man in die Förderung aufgenommen wird. Aufgrund von Corona waren die Auswahltagungen der Begabtenförderungswerke im vergangenen Jahr meist online.

Mit Beginn meines Chemiestudiums in Göttingen wurde ich in die Förderung der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) aufgenommen, die ich schon aus meiner Schulzeit kannte, da die HSS auch die regionale Begabtenförderung Oberfranken fördert. Auch vom Max-Weber-Programm bekam ich schließlich noch eine Zusage, konnte die Förderung aber nicht annehmen, da man hierzu in Bayern studieren muss.
Im Dezember durfte ich dann an einem zweitägigen Auswahlseminar der Studienstiftung des Deutschen Volkes teilnehmen und habe kurze Zeit später meine Zusage erhalten. Da man nicht Mitglied mehrerer Stiftungen sein kann, musste ich mit dem Wechsel zur Studienstiftung die HSS jedoch leider verlassen.
Die Studienstiftung ist in Göttingen sehr stark vertreten. Dadurch habe ich persönlichen und direkten Kontakt zu meinem Vertrauensdozenten, einem Physikprofessor, und einer örtlichen Stipendiatengruppe. Die Stipendiatensprecher organisieren regelmäßig Vorträge mit Professoren unserer Uni oder Gastprofessoren. Bei der Studienstiftung kommen ganz unterschiedliche Leute zusammen, die alle wahnsinnig interessant sind und mit denen man sich wirklich gut unterhalten und austauchen kann. Die Studienstiftung gleicht einer großen Familie, Unterstützung bei Projektideen oder Problemen erhält man jederzeit. Darüber hinaus werden von der Stiftung an sich viele verschiedene Seminare, Sprachkurse und Akademien in der ganzen Welt veranstaltet. So habe ich beispielsweise in den Semesterferien bereits an einem dreiwöchigen Französischsprachkurs teilgenommen. Die Studienstiftung kommt dabei für die Gebühren des Kurses, den Aufenthalt und einen Teil der Reisekosten auf. Zudem bietet die Studienstiftung diverse Sommerakademien an, die zum Teil in Wien, London, Warschau oder in Südfrankreich stattfinden. Hier nimmt man immer an einer Arbeitsgruppe zu einem bestimmten Thema teil, wie etwa in den Bereichen Literatur, Kunst, Naturwissenschaften oder Politik.
Das Netzwerk der Studienstiftung ist sehr groß und reicht in viele Länder. So kann man sich innerhalb der Studienstiftung für Auslandsprogramme bewerben und so beispielsweise mit einem Stipendium in London oder Paris studieren. Bei Stipendiaten, die durch einen Schulvorschlag in die Förderung aufgenommen wurden, wird am Ende des 6. Semesters geprüft, ob sie immer noch förderungswürdig sind. Das heißt, ihre Leistungen an der Uni und ihr soziales Engagement werden bewertet und die Förderung weitergeführt oder eben nicht. Ich freue mich wirklich sehr, Teil der Studienstiftung sein zu dürfen und sehe dieses Stipendium als große Bereicherung in meinem Leben an.

Noch ein Wort zum Chemiestudium: Das erste Semester in Chemie bestand aus Grundveranstaltungen für physikalische Chemie, anorganische Chemie, Mathe und Experimentalphysik für Nebenfächler sowie zwei Laborpraktika. In der Schule hatte ich im Vergleich zu meinen Kommilitonen, die aus Bundesländern mit dem Leistungskursprinzip kommen, sehr wenig Chemie, Physik oder Mathe in der Schule und auch fast keine Erfahrung im Umgang mit Experimenten oder Arbeit im Labor. So habe ich auch in den ersten Wochen Stoff nachholen und häufiger nachfragen müssen als andere. Ab der vierten Woche war ich dann aber auf demselben Stand wie meine Kommilitonen. Spätestens in der Klausurenphase habe ich gemerkt, dass man mit Durchhaltevermögen, Leidenschaft und Fleiß und - ganz wichtig - einer hohen Frustrationstoleranzgrenze :) - viel weiter kommt als Kommilitonen, die eventuell mehr Wissen aus der Schule mitbringen, aber eben weniger engagiert sind. Letztendlich habe ich festgestellt, dass man mit genügend Lust auf ein Studium - unabhängig vom Schwierigkeitsgrad- so gut wie immer in der Lage ist, seine Klausuren zu bestehen.
Insgesamt macht mir das Studium wirklich sehr viel Spaß. So habe ich auf der einen Seite viel Freude an der Theorie gefunden, aber auch an den Praktika im Labor, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Dabei ist Partnerarbeit gefragt, denn viele Versuche werden in Zusammenarbeit mit Kommilitonen durchgeführt. Auch beim Lösen von Übungsaufgaben ist man eng auf die Zusammenarbeit mit seinen Mitstudenten angewiesen und findet dadurch unweigerlich neue Freunde.

Obwohl ich sicher ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern habe, war es für mich die richtige Entscheidung zum Studium wegzuziehen. Ich wollte und will eine „richtige Unistadt" erleben, in der es viele Studenten gibt und die vom studentischen Leben geprägt ist. Die Stadt Göttingen erfüllt alle diese Punkte, hat Tradition und ist zudem für ihre Naturwissenschaften bekannt. Ich fühle mich dort wirklich wohl.


Foto: K. Bett