Studienstiftung des deutschen Volkes – (m)ein Erfahrungsbericht


Mein Name ist Fiona Bendig und ich studiere Gymnasiallehramt für Englisch und Religion. Mittlerweile bin ich im dritten Semester.

Nach meinem Abitur im Jahr 2019 wurde ich vom Herder-Gymnasium für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen und hatte eigentlich schon im Februar 2020 mein Auswahlseminar:Am Ende meines ersten Semesters, mitten in der Prüfungsphase und noch vor Corona – es hätte eine Wochenendveranstaltung in einer Jugendherberge in Rothenburg o.d.T. sein sollen. Durch eine Überschneidung mit einer Prüfung wurde der Auswahltermin aber auf Oktober 2020 verschoben. Rückblickend gesehen: mein Glück! Denn das erste Semester an der Uni lief drunter und drüber – nicht unbedingt das, was einem ein Stipendium verschafft. Neue Leute, neue Fächer, neue Lernweise und keine Ahnung, was eigentlich von einem erwartet wird. Und dazu täglich drei Stunden pendeln. Nichts, wovon ich mit Begeisterung berichtet hätte.

Heavy Metal als Religion? – Die Suche nach einem Referatsthema
Für die Bewerbung brauchte ich mein Abiturzeugnis, einen tabellarischen und einen ausführlichen Lebenslauf und ein Referat. Das hätte ich schon bis Februar vorbereiten sollen aber da ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht brauchte, lief es wie immer: Im Sommer hatte noch nicht mal eine Idee, welches Thema ich wählen sollte. Das erste Mal wirklich mit dem Referat beschäftigt habe ich mich am Ende meines zweiten Semesters. Dafür wusste ich dann immerhin, was ich ungefähr wollte: Etwas möglichst außergewöhnliches, das sowohl mit Englisch als auch Religion zu tun hat, und von dem ich Ahnung habe.
Also wurden die Lernsachen für meine beiden Kolloquiums Fächer – ebenfalls Englisch und Religion – wieder entstaubt und durchforstet. In Englisch fand ich dann auch die Lösung: „Heavy Metal als Religion?" Das passt nicht nur zu meinen Fächern, es ist auch noch eine provokante These! Also genau das, was Material für Diskussionen liefert. Außerdem: Ich wusste, dass der Forschungsschwerpunkt von einem meiner Professoren auf Heavy Metal Musik lag. Warum also nicht mutig sein, und ihn einfach mal anschreiben? Denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Und wie ich gewonnen habe! Er hat mein Essay korrekturgelesen und vor allem einige wertvolle Tipps für die Diskussion danach gegeben – Themen, die angesprochen werden könnten, Argumente, Fakten und Verhaltensweisen, auf die die Studienstiftung wert legt.
Außerdem habe ich auch den Lehrer um Feedback gebeten, von dem das Thema kam– wodurch ich ebenfalls einige wertvolle Tipps erhielt.
Und nach einigen Korrekturen, Änderungen und Probeläufen war mein Referat dann irgendwann fertig. Dass alles doch ganz anders lief, als erwartet, muss ich wahrscheinlich nicht sagen: Das ist ja immer so...

Zoom, Chaos und ein turbulenter Start – das Auswahlseminar
Ende Oktober, an einem Freitagabend begann das eigentliche Seminar mit einer Begrüßungsveranstaltung auf Zoom. „Noch wird nichts bewertet", wurde uns versichert, „es geht nur darum, eventuell ausstehende Fragen zu beantworten und den Ablauf des Wochenendes zu klären". Und das war auch nötig, denn der Plan für die Zoomräume, Gruppenlisten und Zeiteinteilung war schon eine Wissenschaft für sich. Auch der Ablauf wurde noch einmal erläutert: Es würde zwei Einzelgespräche und fünf Gruppenrunden geben, die aus einem Referat und anschließender Diskussion bestanden, so viel war klar. Aber wer ist in meiner Gruppe? Worüber wird referiert? Wie viel Fachwissen brauche ich? So viele Fragen...
Als irgendwann auch die letzten Nummern der Teilnehmer per Chat ausgetauscht wurden, alle Fragen geklärt waren und sich jedes Kommissionsmitglied vorgestellt hatte, wechselten wir den Zoom Raum zu einem „privateren" Meeting, das uns Stipendiums-Bewerbern die Angst nehmen sollte. Bei mir ist allerdings das Gegenteil passiert: In der Anmeldung war von einem Kurzreferat die Rede, also bin ich von den üblichen sieben bis zehn Minuten ausgegangen – jetzt wurden wir darauf hingewiesen, dass die Zeit auf maximal sieben Minuten angesetzt sei und dass wir so frei wie möglich sprechen sollten. Ich hatte neun bis zehn Minuten geplant und einen Fließtext geschrieben. Natürlich war ich am nächsten Morgen als erste an der Reihe... Na super.
Mit solchen Problemen war ich aber scheinbar nicht allein, ein anderer Bewerber aus meiner Gruppe schrieb sein Referat sogar über Nacht nochmal komplett neu und wechselte das Thema.
Und dann wurde auch noch über die berüchtigten Einzelgespräche gesprochen – Man könne sich nicht viel vorbereiten, aber konkrete Fragen zum Lebenslauf seien zu erwarten und manchmal auch ganz unerwartete Fragen. Jetzt war ich so klug als wie zuvor.

Von Genschere bis Ruhrpott – die Gruppenrunde
Mein Samstag begann um 8:30 Uhr mit der ersten Gruppenrunde. Dabei stellte ich aber auch fest, dass Onlinemeetings einen großen Vorteil haben: Niemand sieht, ob ich auf meinem Bildschirm nun die Teilnehmer ansehe, oder einen Fließtext vor mir habe, den ich vorlese. Und auch Diskussionen sind online gar nicht so schlecht. Während es tatsächlich etwas schwerer ist, die Mimik und Gestik der anderen Teilnehmer so zu deuten, dass man sich einbringen kann, ohne jemandem ins Wort zu fallen (und darauf wird großen Wert gelegt!), hatte es die angenehme Nebenwirkung, dass man auch mal ein paar kleine Dinge googlen kann. Es ist also nicht immer alles schlecht.
Das Spektrum der Referate in meiner Gruppe war breit: Die Genschere als Mittel gegen Malaria, der Ruhrpott als eine einzige Stadt, das bedingungslose Grundeinkommen, der Fachkräftemangel und natürlich meine Frage: Ist Heavy Metal eine Religion? Und zu allem muss man eine fundierte Meinung haben – oder zumindest so tun als ob. Deswegen ist als Thema auch alles erlaubt, es sollte nur nicht zu komplex und möglichst kontrovers sein.

Switching to English und Raumstationen auf dem Mars – die Einzelgespräche
Nach den ersten Gruppenrunden wurde es dann nochmal spannend: Die Einzelgespräche mit Vertretern der Studienstifung standen an.

30 Minuten musste ich einem Materialwissenschaftler Fragen über meinen Lebenslauf beantworten – dachte ich. Naja, nicht ganz. Er fragte zwar auch einiges darüber, aber hauptsächlich wollte er mich nervös machen – so sagte er es mir zumindest. Deswegen fokussierte er sich auch auf meine Aussage, ich hätte mit der Schule das Europaparlament in Straßburg besucht. Whether I would mind switching to English, was ich eigentlich von dem Rechtsstaatsprinzip der EU halte und ob man Agrarsubventionen lieber nach Qualität oder Quantität vergeben sollte? Ich hatte eine Schulveranstaltung und keinen Politikwettbewerb angegeben!
Fairerweise muss man sagen: die meisten Begriffe wurden mir zuerst erläutert, bevor ich meine Meinung abgeben sollte. Das hinderte mich aber trotzdem nicht daran, in einem Moment geistiger Umnachtung die Türkei der EU beitreten zu lassen. Passiert.

Das zweite Einzelgespräch musste jetzt ja harmloser werden. So nach dem good Cop/bad Cop Prinzip! Oder?
Diesmal saß mir ein Maschinenbau- und Informatikprofessor gegenüber. Da hatte ich ja das große Los gezogen – Im Auswahl-Komitee waren sechs Geisteswissenschaftler und drei Naturwissenschaftler - und ich bin den Naturwissenschaftlern begegnet. Diesmal wurden mir dafür aber immerhin mehr Fragen über meinen Lebenslauf gestellt. Warum ich Lehramt studieren will, das macht doch jeder. Warum ich noch zu Hause wohne und nicht in Norddeutschland studiere und wie ich darauf käme, Jugendarbeit als soziales Engagement anzugeben, das bedeutet doch mehr Spaß als Arbeit. Ich glaube, er hat nichts davon wirklich schlimm gefunden – er wollte einfach nur provozieren und sehen, wie ich unter Druck reagiere. Ach ja, und wie ich eine Raumstation auf dem Mars bauen würde. Meine ehrliche Antwort: Keine Ahnung, ich würde Experten fragen.
Und damit war das Wochenende zu Ende.

Und am Ende wird alles gut.
Jetzt hieß es warten, hoffen, bangen – innerhalb der nächsten zwei Wochen sollte mich ein Brief erreichen. Entweder ein kleiner mit einer Ablehnung oder ein großer mit einer Zusage. Sich selbst einzuschätzen war quasi unmöglich: Klar, ich hatte bei jeder Diskussion etwas zu sagen, aber das hatte jeder. Ich konnte die meisten Fragen in den Einzelgesprächen beantworten, aber auch so, wie sie es hören wollten? Und schließlich hatte ich ja durchaus auch Fehler gemacht. Und am Ende müssten alle drei mit mindestens sieben bzw. acht von zehn Punkten für mich stimmen und zwei Voten für mich abgegeben werden. Und das bei fast 50 Teilnehmern...

Im Nachhinein betrachtet denke ich (das sind nur Überlegungen aufgrund meiner Erfahrungen): Für das Referat ist es gut, ein kontroverses Thema zu haben, zu dem jeder eine andere Meinung hat. Außerdem hilft es, sich vorher Argumente für beide Seiten zu überlegen, sodass man in die Diskussion eingreifen kann, wenn es zu einseitig wird.
Für die Einzelgespräche gilt: Nicht aus dem Konzept bringen lassen. Sei stolz auf das, was du gemacht hast und bist – und sag das auch. Die kritischen Nachfragen sollen wahrscheinlich gar nicht deine Leistungen ins Negative ziehen, sondern zielen nur auf gute Begründungen ab. Und wenn solche Fragen wie nach Agrarsubventionen und Raumstationen kommen: die Gedankenprozesse sind vermutlich wichtiger als die Ergebnisse. Ich habe zum Beispiel bei der Raumstation erklärt, warum ich keine Ahnung habe, welche Probleme meiner Meinung nach auftreten könnten, und welche Wissenschaftler gefragt werden müssen.
Ob das alles der richtige Weg ist: ich weiß es nicht.

Aber:
Nach nicht mal einer Woche lag auf dem Frühstückstisch ein Brief auf meinem Platz. Ein sehr großer und dicker Brief...

(Fiona Bendig)